Schrei nach Liebe

Schrei nach Liebe

1993 veröffentlichte die Berliner Punk Band Die Ärzte ihren wohl bekanntesten und prägendsten Song: Schrei nach Liebe. Eine Hymne auf die gesellschaftliche Abgrenzung zu alten und neuen Nazis, eine Aufforderung an die Gesellschaft, sich klar von rechtsradikalen Kräften zu distanzieren, sie auszugrenzen und der Versuch, eine Antwort auf die Frage des Ursprungs faschistischen Hasses in einer Jugendbewegung zu geben – In einem Punkrock-Song. Nach den neonazistischen Gewalttaten Anfang der 90er Jahre war der Song ein Befreiungsschlag, er ist deutsche Zeitgeschichte. Aber heute ist er auch noch mehr: Schrei nach Liebe fehlt nämlich seit fast 30 Jahren auf fast keinem linken Konzert, selbst Die Toten Hosen als größte Rivalen der Ärzte coverten das Lied jahrelang auf ihren Konzerten, wird auf so ziemlich jeder Anti-Nazi-Demo gespielt. Dabei vermag es der Song, weil er seine klare Botschaft auf einer wichtigen Analyse fußen lässt, viele Gruppen hinter sich zu vereinen: Antifa-Aktivist*innen, die gerade einen AfD-Parteitag blockieren, Jugendliche, die ein Rock-Gegen-Rechts-Festival organisieren und Oberbürgermeister*innen auf zivilgesellschaftlichen Kundgebungen.

Der Hamburger Künstler Jendrik Sigwart wird vermutlich niemals Teil der bekanntesten Punk Bund der Republik – Dafür vertritt er Deutschland in diesem Jahr beim Eurovision Songcontest. Und sein Beitrag, den er selbst geschrieben hat, I don’t feel hate, ist nichts weniger als die popmusikalische Übersetzung des Ärzte-Klassikers. Ja, in gesellschaftspolitischen Fragen ist das Lied sogar eine Weiterentwicklung. Ich gebe zu: Diesen Vergleich muss man rechtfertigen. Also bitte, gehen wir es einmal durch.

In Schrei nach Liebe erzählen die Ärzte die Geschichte einer abgehängten Person, mit klassischer Verlier-Biografie: „Hass ist deine Attitüde, ständig kocht dein Blut. Alles muss man dir erklären, weil du wirklich gar nichts weißt, höchstwahrscheinlich nicht einmal, was Attitüde heißt.“ Und weiter: „Du hast nie gelernt dich zu artikulieren und deine Eltern hatten niemals für dich Zeit.“ Dabei beschrieben sie die Person allerdings als uns sehr ähnlich, als Person mit rationalen Bedürfnissen, wie denen nach Zuneigung und Sicherheit: „Warum hast du Angst vorm Streicheln, was soll all der Terz? Unterm Lorbeerkranz mit Eicheln, weiß ich schlägt dein Herz.“ Die Zuneigung zu rechtsradikalem Gedankengut wird damit zwar einerseits mit der – teilweise zurecht – empfundenen Benachteiligung der Person begründet, andererseits betonen Die Ärzte aber auch die Handlungsfähigkeit der Person und ihre damit bewusste Entscheidung, sich aus dem gesellschaftlichen Konsens zu entfernen und sich einer menschenverachtenden Ideologie anzuschließen. Konkret heißt es in ihrem Lied: „Weil du Probleme hast, die keinen interessieren, weil du Schiss vorm Schmusen hast, bist du ein Faschist. Du musst deinen Selbsthass nicht auf andere projizieren, damit keiner merkt was für ein lieber Kerl du bist.“ Es ist also ein doppelter Appell, den Die Ärzte an die Hörer*innen des Songs senden: Zum einen wird deutlich gemacht, dass Nazis sich mit ihrer menschenverachtenden und bekämpfenswerten Ideologie bewusst falsche Feindbilder und Sündenböcke suchen und zum anderen wird auf dieser korrekten Feststellung aufbauend von der demokratischen Mehrheitsgesellschaft eine entschlossene Abgrenzung zu allen Faschist*innen gefordert. Beides sollte gesellschaftlicher Minimalkonsens sein – Und doch scheitern wir, zum Beispiel mit jeder Talkshow unter Beteiligung von AfD, Palmer oder Wagenknecht, viel zu oft hieran.

Hier setzt der Hamburger Jendrik in I don’t feel hate an, in dem er mit dem Teilen seiner Perspektive zusätzliche Empathie mit stigmatisierten und diskriminierten Bevölkerungsgruppen schafft. Jendrik verarbeitet in seinem Lied ihm widerfahrende Homophobie: „Du fühlst dich so clever, wenn du einen anderen Weg suchst, um mich zu zermürben?“ Oder: „Es ist mir wirklich egal, dass du mich verprügeln willst.“ Im Musikvideo zu seinem Lied, das Jendrik auch selbst konzipiert und produziert hat, zeigt er dabei bewusst auch BPoC und eine Muslimin mit Kopftuch, um einerseits auch auf rassistische Gewalt und andererseits auf die Mehrfachdiskriminierung von schwarzen oder lesbischen Frauen aufmerksam zu machen. Diese Szenen sind ein klares Bekenntnis Jendriks zu einem intersektionellen Feminismus. Und sie erzählen Schrei nach Liebe, dass sich, dem Kontext seiner Zeit angemessen, auf den Antifaschismus beschränkt, damit auch insofern weiter als dass Jendrik damit verdeutlicht, dass es auch zu Personen, die gesellschaftliche und geschlechtliche Vielfalt nicht anerkennen wollen, eine klare, wenn auch eine weniger radikale, Abgrenzung durch alle akzeptierenden Personen einer Gesellschaft braucht. Ausgrenzung, das macht Jendrik deutlich, kann auch eine passive Handlung sein, beispielsweise durch das Entziehen von Plattformen in der alltäglichen Praxis. Seine Botschaft: Hört auf wütend Tweets von ausgrenzenden Personen zu zitieren und ihnen somit Aufmerksamkeit außerhalb ihrer eigenen Bubble zu geben, er wird damit für Deplattformisierung. Denn dieser Abgrenzungsprozess deckt Ignoranz auf und stößt so dringend notwendige Entwicklungen an.

Wie Die Ärzte betont auch Jendrik dabei die moralische Bedeutung seines Kampfes, er sing: „Ich fühle keinen Hass, aber ihr tut mir leid.“ Dem zugrunde liegt, wie bei den Ärzten, durchaus ein emanzipatorischer Ansatz: Denn es wird einerseits noch einmal verdeutlicht, dass sich ausgrenzende Personen bewusst für ihre Ideologie entschieden haben (Zitat: „Es macht mir wirklich nichts aus, dein Rivale zu sein, denn für deine Art ist es überlebenswichtig“ und „Du wirst nicht mit der Frustration fertig, dass deine willkürliche Ich-Fixierung
eine weitere Bestätigung dafür ist, dass du nur ein hasserfüllter Mensch bist, der nicht wirklich besser ist als ich“), während damit andererseits eben auch an die Möglichkeit ihres Wandels erinnert und durch den Verzicht auf Hass ihnen zudem eine Brücke gebaut wird. In I don’t feel hate klingt das so: „Ich hoffe, Sie haben noch ein derbes nices Leben, und bis bald.“

Ich halte diesen Ansatz für richtig: Es braucht die größtmögliche Abgrenzung zu Nazis und eine klare Trennlinie zu all denjenigen, die Menschen wegen ihrer Herkunft, ihres Geschlechtes oder ihrer Religion diskriminieren. Faschist*innen dürfen keinen Platz in der demokratischen Mehrheitsgesellschaft haben. Queerfeindliche Sexist*innen gehören enttarnt und zurückgewiesen. Dabei ist es gleichzeitig aber auch wichtig, nach den Ursachen jeder Menschenfeindlichkeit zu suchen und Betroffenen Alternativen für ihre Ideologie aufzuzeigen. Es braucht eben auch mehr Bildungs- und Chancengerechtigkeit, die Überwindung von Armut in einem reichen Land beispielsweise durch Bürger*innengeld und Kindergrundsicherung sowie Aufklärung, Unterstützung und gleiche Rechte für religiöse, sexuelle oder geschlechtliche Minderheiten. Dabei gilt natürlich immer: Die beste Antwort Rassismus ist Antifaschismus und die beste Antwort auf Sexismus ist intersektioneller Feminismus! Gerade aus dem letztgenannten Punkt heraus ist es eine krasse Erleichterung, dass Jendrik I don’t feel hate gerade nach dieser Woche, Stichwort: #TSGabschaffen, Auge: CDU/CSU, singen wird. Man bemerke die Verbindung zur zeitgeschichtlichen Relevanz von Schrei nach Liebe.

Morgen beim Eurovision Songcontest wird es – wie im jeden Jahr – einige starke politische Botschaften geben. Trotzdem würde ich auch Jendrik den Sieg gönnen, immerhin hat als Deutsche Lena mit einem erschreckend unpolitischen und gesellschaftlich ignoranten Lied den Liederwettbewerb gewonnen. So oder so: I don’t feel hate bekommt einen Platz in meiner Demo-Playlist – Und zwar direkt neben Schrei nach Liebe und den Ärzten. Denn den haben Jendrik und sein Lied sich wirklich uneingeschränkt verdient.

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