Schöne Bescherung

Schöne Bescherung

Aus: Am Weltfrieden arbeiten wir noch, aber dieses Buch ist schon mal fertig.

Ich hatte Heiligabend einmal eine Lungenentzündung. Mir ging es echt schlecht. Also lag ich den ganzen Abend über nur auf der Couch, neben dem Weihnachtsbaum und habe auf ein helles, weißes Licht gewartet und gehofft, dass dieses (nicht) das Christkind ist. Meine Familie saß am Ess- tisch, keine drei Meter von mir entfernt. Seitdem bin ich Heiligabend im- mer „krank“. Denn das hat den angenehmen Nebeneffekt, dass man sich voll und ganz auf die Dialoge, die da zwischen Bockwurst und Kartof- felsalat, Sauerbraten und Rotkohl beziehungsweise Suppe und Nachtisch abgefeuert werden, konzentrieren kann.

„Ich will, dass wir vor dem Abendessen die Bescherung haben“ fordert meine kleine Schwester.
„Kinder, die was wollen“ kontert meine Großmutter.
„Außerdem bekommst du doch eh nur Socken“ grinst mein Vater und wird anschließend von meiner Mutter geboxt.
Folgerichtig setzen sich nun alle Beteiligten – außer mir, ich bin ja „krank“ – an den Esstisch und sehen Mutter und Oma dabei zu, wie sie die Töpfe aus der Küche herüber transportieren und auf den Esstisch stellen, den Mutter gedeckt hatte, während wir anderen in die Kirche gehen mussten, Pardon: durften.
„Ich hoffe“ beginnt meine kleine Schwester das dortige Tischgespräch „dass ich dieses Jahr endlich ein neues Fahrrad bekomme – Ich will nicht mehr jeden Morgen zur Schule laufen, Jan musste das auch nicht, der wurde gefahren.“,
„Sprich nicht so über deinen großen Bruder.“ ermahnt Mutter sie anschließend, doch anstatt zu sagen: „Er ist krank.“, fährt sie fort: „Er kann dich doch hören.“
„Und außerdem“ hakt Oma ein „braucht man, bevor man Fahrrad fahren kann, erst einmal Unterwäsche.“
„Das stimmt.“ sagt Opa, der studierte Soziologe und geht auf die Bedürfnispyramide ein.

„Da ihr ja eh nicht fragt“ ergänzt Oma anschließend „meiner Bekannten, der Hildegard, geht es nicht besser als vorige Woche …“,
„… was eigentlich nicht überraschend ist“ denke ich „schließlich ist sie 87 und hat u. A. eine Lungenentzündung – Das ist nicht leicht, ich weiß das, ich simuliere so etwas seit ich zehn bin.“
„Hast du was gesagt?“ fragt Mutter mich deswegen.
„Der Junge hat Fieberträume.“ behauptet Oma „Aber zwei Beerdigungen können wir uns dieses Jahr sicher nicht mehr leisten“.
„Danke.“ antworte ich.
„Ach,“ sagt Oma „wird schon wieder“.
„Aber wieso“ fragt Vater „kannst du eigentlich so gut sprechen; ich dachte du bist krank?“
Ich röchle und Mutter boxt Vater erneut.

Schöne Bescherung! Eine Weihnachtsgeschichte. Klick um zu Tweeten

Die gierigen Mäuler beginnen sich ans Essen ran zu machen. Mir hat man ein Glas Wasser und die Salzstangen, die vom letzten Jahr übrig geblieben sind, gereicht.
„Nur schade“ findet Mutter „dass es dieses Jahr nicht schneit“.
„Wann war das Jahr noch mal,“ fragt Oma deswegen „in dem es so stark geschneit hat?“
„1942“ antwortet Opa, Vater lacht, Mutter boxt ihn und sagt: „Ich glaube, das war vor zwei Jahren“. „Mmh.“ macht Oma.
„Hatte Jan nicht Geschichtsleistungskurs?“ fragt meine kleine Schwester, die anderen lachen und niemand boxt irgendwen.

„Ich mag Schnee übrigens nicht besonders“ sagt mein Vater dann „der lässt sich doch hier nur nieder und bleibt den ganzen Tag nur liegen“.
„Unverschämt“ nickt auch Opa „und was glaubt ihr eigentlich, wie viele schneebedingte Unfälle es schon gab, weil Jemand gestolpert und hingefallen ist?“
„Na?“ fragt Mutter.
„Also ich weiß da jetzt auch keine genaue Zahl“ antwortet Opa „aber bestimmt waren es sehr, sehr viele, nehme ich an“.
Oma sagt: „Ich finde, man muss das schon differenzierter betrachten: Ich meine, viele Schneeflocken kommen ja, weil sie hoch oben im Norden durch die Androhung von Streusalz bedroht sind“.
„Und außerdem“ ergänzt Mutter „müssen wir ja gerade in Bezug auf den demographischen, äh, ich meine den Klimawandel dankbar sein, wenn so ein paar besonders feste Schneeflocken zu uns dazu kommen“.
„Ich finde“ sagt meine Schwester „Schnee sieht vor allen Dingen gut aus … Er ist ja weiß.“
Vater lacht, Mutter boxt ihn erneut.

„Der Weihnachtsbaum sieht dieses Jahr im Übrigen wieder besonders gut aus“ findet Oma.
„Hast du den nicht geschmückt?“ fragt meine kleine Schwester unbeholfen.
Vater grinst daraufhin sehr beholfen und wird folgerichtig von meiner Mutter geboxt.
„Ich find ihn schön.“ sagt sie dabei.
„Schon“ kommentiert nun auch Opa „und trotzdem war früher mehr Lametta“.

Anschließend gibt es Nachtisch. Oder in meinem Fall: Salzstangenkrümel.

Nach diesem Gang beginnt meine Schwester unruhig auf ihrem Stuhl hin und her zu zappeln.
Mutter grinst. Vater boxt sie dafür aber nicht.
Oma fragt: „Wollen wir noch ein Glas Wein trinken?“
Opa grinst, Mutter boxt Opa und meine kleine Schwester zischt.
„War nur ein Spaß“ behauptet Oma deswegen „aber was könnten wir stattdessen machen?“
„Bescherung! Bescherung!“ ruft meine kleine Schwester deswegen und setzt tatsächlich die gesamte Familie neben den Weihnachtsbaum um und sich damit durch.

Und dann geht es los: Oma und Opa bekommen ein wirklich romantisches Essen ohne einen Enkel, der die ganze Zeit „krank“ auf der Couch liegt. Mutter bekommt einen Büchergutschein, weil sie so gerne liest. Vater hingegen bekommt eine Spülmaschine, weil immerhin ja nicht mehr 1950 ist. Und meine kleine Schwester? Die sieht sich alsbald mit einem Paar ranziger Laufschuhe konfrontiert, die sie jedoch anschließend – nachdem sie in ihnen einen kleinen Schlüssel gefunden hat – sofort anzieht und zur Garage rennt, vor der sie sich dann einem neuen Fahrrad gegenüber sieht.

Und ich bekomme die Kraft aufzustehen –
Denn – Und diesen Pathos sei in einem Weihnachtstext erlaubt – wenn man gar nicht mehr so tut, als müsste das Weihnachtsessen etwas ganz Besonderes sein, dann wird es das manchmal von ganz allein.

“Am Weltfrieden arbeiten wir noch, aber dieses Buch ist schon mal fertig” ist das zweite gemeinsame Buch von Isa Schmiedel und mir. Was Saskia Esken dazu sagt und was im Buch drin steht, kann hier nachgelesen werden. Und bestellen kann man das Buch hier.

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Ich bin Vorsitzender der SPD in Wattenscheid-Mitte und Westenfeld, Gewerkschaftssekretär bei der IGBCE und in vielen Vereinen und Verbänden aktiv. Mein Leitspruch: #ZusammenGestalten. Mein Ziel: Eine Gesellschaft der Freien und Gleichen.

Daneben schreibe ich für die Bühne, trete seit zehn Jahren unter anderem bei Poetry Slams auf. Übrigens: Das Buch “Märchen nach Corona – Quarantäne hinter den sieben Bergen”, das ich gemeinsam mit Isabel Schmiedel herausgegeben habe, wird sogar im Bonner Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland ausgestellt.

Vielleicht sehen wir uns ja mal bei einer Veranstaltung. Die Termine gibt es natürlich auch hier. Mich würde das freuen! Bis dahin – wie man bei uns im Ruhrgbiet sagt: Glück Auf!