Es können sich weiter alle mit Astra Zeneca impfen lassen

Es können sich weiter alle mit Astra Zeneca impfen lassen

Heute ist – erneut – viel über Astra Zeneca diskutiert worden. Ursache ist, dass der Impfstoff nun vor allem an Personen über 60 Jahre verimpft werden soll. Wie es zu dem Beschluss gekommen ist? Wie er umgesetzt werden soll? Was das für jüngere Menschen und solche, die bereits die erste Impfdosis bekommen haben, bedeutet? All diese Fragen habe ich im Folgenden Text versucht zu beantworten. Und zum Schluss gibt es auch noch eine kommunikative Manöverkritik an Gesundheitsminister Jens Spahn. Die muss sein. Denn ich bin – auf die Gefahr mich zu wiederholen – der absoluten Überzeugung, dass es in Mitten einer Pandemie gerade bei solch wichtigen aber für medizinische Laien schwer endgültig zu bewertenden Entscheidungen wichtig ist, dass politische Entscheidungsträger*innen Klarheit, Transparenz und Vertrauen schaffen. Aber dazu nach der Zusammenfassung dessen, was heute passiert ist. Also, los gehts:

Was heute passiert ist:

Mehrere Unikliniken, darunter die Berliner Charite, haben bekannt gegeben, dass sie Astra Zeneca nicht mehr an Frauen unter 55 Jahren verimpfen wollen, da es hier in seltenen Fällen zu Hirnvenenthrombosen kommen kann. Die Ständige Impfkommission (StiKo) korrigierte ihre Altersempfehlung daraufhin ebenfalls: Nur noch Personen über 60 sollen mit Astra Zeneca geimpft werden.

Die Gesundheitsminister*innen der Bundesländer haben daraufhin angekündigt, Konsequenzen zu ziehen: Astra Zeneca soll regelhaft nur noch an Personen im Alter von über 60 Jahren verimpft werden. Ursprünglich war der Impfstoff für jüngere Menschen empfohlen worden und nur für Personen unter 65 Jahren zugelassen. Jüngere sollen sich auch weiterhin mit Astra Zeneca impfen lassen können. Allerdings nur nach Aufklärung in der Hausarztpraxis.

Darum geht es:

Astra Zeneca wurde bislang 2,7 Millionen Mal in Deutschland verimpft. In der Folge traten 31 Hirnvenenthrombosen als mögliche Nebenwirkungen der Impfungen auf. Es gab mehrere Todesfälle. Die Nebenwirkung trat vorwiegend bei Frauen unter 55 Jahren auf, Männer waren bislang nur zwei Mal betroffen.Das Paul-Ehrlich-Insitut und die Europäische Arzneimittelbehörde ermitteln nun, ob es sich wirklich um eine Nebenwirkung handelt.

Warum taucht die Nebenwirkung erst jetzt auf:Impfzulassungen sind immer mit Restrisiken verbunden. Es gilt, diese soweit wie nur möglich zu marginalisieren und sicherzustellen, dass die Impfung ein erheblich geringeres Risiko darstellt als die Krankheit, vor der sie schützen soll. Nebenwirkungen in äußerst seltenen Fällen sind nie auszuschließen. Grund hierfür ist, dass Impfstoffe zwar in mehren klinischen Studien getestet werden, an diesen jedoch nicht mehr als jeweils mehrere zehntausend Menschen zuzüglich einer ebenso großen Kontrollgruppe teilnehmen können. Nebenwirkungen, die wir hier nur bei wenigen Fällen auf Millionen verabreichte Impfdosen auftreten, können also bei klinischen Studien nicht erkannt werden. Sie können erst nach der Zulassung ermittelt werden. Wie hier geschehen.

Dabei hilft es übrigens sogar, dass in kurzer Zeit fast drei Millionen Impfdosen verabreicht worden sind. Denn so können auch besonders seltene Nebenwirkungen schnell erkannt und richtig zugeordnet werden. Jede mögliche Impfnebenwirkung wird dabei an das Paul-Ehrlich-Institur gemeldet und engmaschig kontrolliert. Das zeigt der Fall Astra Zeneca nämlich auch: Zugelassene Impfstoffe sind deswegen tagesaktuell sicher, jede*r kann sich also sicher impfen lassen.Wichtig: Es besteht weiterhin kein Zweifel daran, dass dies bei Astra Zeneca der Fall ist.

Wie es jetzt weiter geht:

Menschen, die bereits mit Astra Zeneca geimpft wurden, genießen bereits nach der ersten Impfdosis einen wesentlich erhöhten Schutz, tödliche Krankheitsverläufe sind bei ihnen nahezu ausgeschlossen. Sie können aber auch die zweite Impfdosis in Anspruch nehmen. Astra Zeneca wirkt zuverlässig.

Personen über 60 Jahren können sich in den Impfzentren also sicher impfen lassen. Sie bekommen nun sogar schneller einen Termin. Die veränderte Terminvergabe sollen die Bundesländer bis nach Ostern koordiniert haben.

Und: Auch jüngere Menschen können sich weiter mit Astra Zeneca impfen lassen. Voraussetzung ist dafür ihre Impfbereitschaft und ein ausführliches Aufklärungsgespräch in der zuständigen Hausarztpraxis. Die Impfungen dort sollen deswegen nun auch vorgezogen werden und ebenfalls nach dem Osterwochenende beginnen. Genauere Infos dazu folgen.

Meine two Cents zum Thema:

Die Kommunikation von Gesundheitsminister Jens Spahn heute war erneut schlecht und hat damit wieder viel Vertrauen gekostet. Um das an zwei Punkten deutlich zu machen: Es ist für mich nicht nachvollziehbar, warum sich der Gesundheitsminister erst um halb zehn Uhr abends und damit mehr als sechs Stunden nach der Entscheidung öffentlich geäußert hat. Ich finde, in der gegenwärtigen, komplexen und deswegen auch verunsichernden Situation, hätten wir alle ein Recht darauf gehabt, die Informationen zuerst von Spahn selbst zu bekommen, inklusive seiner kritischen Einordnung und gerne gemeinsam mit dem Sprecher der Gesundheitsministerkonferenz der Bundesländer. Dass er sich erneut für eine andere Kommunikationsstrategie entschieden hat, lange schwieg und sich dann vor allem selbst verteidigte, zeigt allein schon, dass er seiner Aufgabe gerade auch kommunikativ einfach nicht gewachsen ist.

Hinzu kommt aber noch Folgendes: Bei seinem Statement ließ Spahn auch eine wesentliche Frage unbeantwortet, nämlich die, wieso heute erst die Berliner Charite zu der Entscheidung kam, Astra Zeneca „nur“ nicht mehr an Frauen unter 55 Jahren zu verimpfen während das Paul Ehrlich Institut kaum 90 Minuten später eine Impfeinstellung für Personen aller Geschlechter unter 60 Jahren empfahl? Es mag sein, dass es dafür eine rationale Erklärung gibt, aber warum bitte hat der Gesundheitsminister sie dann nicht an prominentester Stelle genannt?

Ganz ehrlich: Im Umgang mit diesem Impfstoff fühle ich mich heute zum zweiten Mal schlecht regiert, obwohl ich mich nach der gegenwärtigen Datenlage auch weiterhin mit Astra Zeneca impfen lassen würde. Aber hey: Nach den Entwicklungen heute könnte das ja jetzt sogar immerhin auch schneller gehen…

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