Zeigen wir Rassismus die rote Karte

Zeigen wir Rassismus die rote Karte

Ich bin großer Fußballfan – seit mich mein Vater vor über 20 Jahren zum ersten Mal mit ins Stadion getroffen hat. Daher sind mir die Debatten um die Zukunft dieses Sports und seiner Rolle als gesellschaftliches Ereignis persönlich wichtig. Das, was gestern Nachmittag die Bundesliga-Konferenz überschattet hat und was seitdem sämtliche Sportberichtserstattung bestimmt, beschäftigt mich deswegen sehr.

Das gestern war Symbolik – Und sie war vollkommen verfehlt

Es geht um Symbolik. Denn, dass es natürlich nicht angemessen ist, einen Menschen persönlich so sehr zu diffamieren, versteht sich von selbst. Und die Symbolik ist fatal. In der laufenden Spielzeit ist es wiederholt zu rassistischen Zwischenfällen gekommen. Zwei Beispiele:

  1. Nach einer ausufernden Kampagne der BILD-Zeitung gegen den HSV-Profi Bakery Jatta legten mehrere Vereine – darunter auch der VfL Bochum – Protest gegen die Wertung ihrer Spiele gegen die Rothosen ein. Dabei wurde von diesen Clubs bewusst in Kauf genommen, dass sich rassistische Stereotype weiter festsetzen und zwar mehr aus kommerziellen denn aus sportlichen Interessen. Und auch wenn sich zahlreiche Fan-Gruppierungen gegen das Vorgehen ihrer Vereinsführungen aussprachen, bleiben doch vor allem die sogenannten Fans des Karlsruher SC in Erinnerung, die Jatta während des gesamten Spiels systematisch auspfiffen und mit beleidigenden Gesten und Lauten attackierten. Es war ein beschissener Fußballnachmittag.
  2. Beim jüngsten DFB Pokal-Spiel des FC Schalke 04 gegen Hertha BSC Berlin wurde Herthas Abwehrspieler und Juniorennationalspieler Jordan Torunarigha von einigen Schalke-Fans rassistisch beleidigt: es waren Affenlaute gegen ihn in der gesamten Veltins Arena zu hören. Obwohl der Schiedsrichter hierauf aufmerksam gemacht wurde unterbrach er weder das Spiel noch brach er es nach einer Wiederholung des Zwischenfalls ab. Torunarigha weinte auf dem Rasen. Als er dann eine Trinkflasche wegtrat, wurde er dafür vom Schiedsrichter auch noch mit der gelb-roten Karte des Plates verwiesen. Ein Vorgang zum fremdschämen.

Das Bundesliga-Spiel zwischen der TSG Hoffenheim und dem FC Bayern München gestern hatte eine ähnliche Reichweite wie diese beiden Beispiele. Während dieses Spiels wurde der Hoffenheimer Mäzen Dietmar Hopp von den Bayern-Fans mit einem Transparent beleidigt. Hintergrund war, dass die Bayern Fans gegen eine Kollektivstrafe gegen Anhänger*innen von Borussia Dortmund wegen eines ähnliches Vorfalls protestieren wollten. Das Spiel wurde in diesem Zusammenhang zweimal unterbrochen, der Schiedsrichter drohte mit einem Spielabbruch. Nach der zweiten Spielunterbrechung spielten sich beide Mannschaften, um gegen die Bayern-Fans zu protestieren, nur noch symbolisch den Ball zu.

Das Symbol dahinter: Hopp wird stärker geschützt als Opfer von Rassismus.

Hopp taugt nicht als Symbol für den Kampf gegen gesellschaftliche Spaltung

Und als wäre das nicht schon problematisch genug, führe man sich vor Augen, dass Dietmar Hopp sich seinerseits mehrfach und auch in diesem Kontext grob falsch verhalten hat. Auch hier zwei Beispiele:

  1. Bereits 2007 kritisierte der damalige Manager des FSV Mainz 05, Christian Heidel, dass Hopp und die TSG Hoffeinheim mit ihrem Modell „einen von 36 Plätzen im Profifußball belegen“. Hopp fasste dies als fundamentale persönliche Kritik auf und forderte, dass sie ebenso hart zu ahnden sei wie Rassismus.
  2. In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung wurde Hopp zudem mit der SA-Vergangenheit seines Vaters konfrontiert, vor allem mit dessen Verbindungen zum Brandanschlag auf die damalige Synagoge in Hoffenheim. In diesem Interview relativierte Hopp die schwere Schuld seines Vaters so: „Hätte er es nicht gemacht, wäre er entlassen worden, und seine Familie wäre einer hoffnungslosen Zeit entgegengegangen.“ Das ist klassische, geschichtsrevisionistische Täter-Opfer-Umkehr und schwer problematisch.

Darum, dass Hopp zudem regelmäßig gegen betriebstätliches Engagement in seinem Unternehmen mit Drohungen und Verleumdungen vorgeht, soll es hier gar nicht gehen.

Denn: Dietmar Hopp verdient es nicht beleidigt zu werden, aber er verdient eine sachliche und kritische Auseinandersetzung mit seiner Person.

Echten Kampf gegen Rassismus intensivieren – Gemeinsam mit den Fanurven

Das Vorgehen der Schiedsrichter gestern war deswegen falsch. Und die dem folgende Inszenierung beider Mannschaften erst recht. Besonders dramatisch sind übrigens die Verbindungen zwischen dem rechtsterroristischen Anschlag in Hanau und den Diffamierungen gegen Dietmar Hopp, die DFB Präsident Fritz Keller in der letzten Woche im Zuge der eingangs erwähnten Kollektivstrafen gegen BVB Fans gezogen hat. Diese Äußerungen waren geschichtsvergessen und in ihrer ebenfalls symbolträchtigen Wirkung brutal unangebracht.

Ich bin großer Fußballfan – auch weil auf den Tribünen gesellschaftlicher Austausch stattfindet oder zumindest stattfinden kann. Der Fußball hat eine gesellschaftliche Verantwortung. Und er wird ihr leider viel zu selten gerecht. Sei es bei der paritätischen Darstellung von Frauen- und Männerfußball, Geschäften mit menschenrechtsverletzenden Regimen oder eben im konkreten Kampf gegen Rassismus.

Das es auch anders ginge, zeigen nicht zuletzt oft seine Fans. Ein ebenfalls junges Beispiel zum letzten Punkt: Als es vor wenigen Tagen im Drittligaspiel zwischen dem SC Preußen Münster und dem FK Würzburger Kickers zu einer rassistischen Beleidigung eines einzelnen Fans gegen den Würzburger Spieler Leroy Kwadwo kam, unterbrach der Schiedsrichter die Partei, die umstehenden Fans outeten den Rassisten, gegen den nun Polizei und Staatsschutz ermittelt und das gesamte Preußenstadion skandierte: Nazis raus!

Ein so beherztes und entschiedenes Vorgehen wünsche ich mir auch von DFB und DFL. Immer. Und nicht nur wenn ein fragwürdiger Milliardär attackiert wird. Eine Aufarbeitung der bisherigen Verfehlungen und insbesondere dieses Wochenendes ist dafür unausweichlich. Dazu gehören auch Konsequenzen, beispielsweise eine Entschuldigung von Fritz Keller, ein Anti-Rassismus-Dialog zwischen Fan-Gruppierungen sowie Verband und Liga oder auch die Rücknahme der sich als falsch erwiesenen Kollektivstrafen. Deutlich entschlosseneres Handeln allgemein und von allen persönlich braucht es aber auch – und gerade in Anbetracht der gesellschaftlichen Verantwortung des Fußballs und des gesellschaftlichen Rechtsrucks.

Zeigen wir alle dem Rassismus die Rote Karte.

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