Über Vertrauen (Und warum die Impfpflicht kein Wortbruch ist)

Über Vertrauen (Und warum die Impfpflicht kein Wortbruch ist)

Noch vor einem Jahr hat die Politik versprochen, dass es keine Impfpflicht geben wird. Ich habe das richtig gefunden und unterstützt. Jetzt aber wird die Impfpflicht kommen und ich habe mich intensiv dafür eingesetzt. Warum ich das nicht für einen Wortbruch halte?

Anfang Januar 2021 hat Deutschland mit den Impfungen gegen Covid 19 begonnen – Streng an den Priorisierungen orientiert. Hätte man mich zu diesem Zeitpunkt gefragt, von welcher Impfquote ich im Verlauf der Impfquote ausgehen würde, hätte ich geantwortet 70 bis 75 Prozent. Virolog*innen sind zu dieser Zeit davon ausgegangen, dass dieser Wert ausreichen würde, um eine Herdenimmunität herzustellen – Also den Zustand den es braucht, um die Pandemie zu beenden.

Noch vor einem Jahr dagegen und jetzt für die #Impfpflicht – Warum das kein Wortbruch ist. Klick um zu Tweeten

Wie Virusmutationen die Pandemie veränderten

Doch die Virolog*innen sagten noch etwas, einen einschränkenden Relativsatz und das dort beschriebene Szenario ist wenige Wochen später dann auch eingetreten: Anfang März kam nämlich eine neue, vielfach ansteckendere Virusmutation in Deutschland an, seit Juni 2021 bestimmt sie das hiesige Infektionsgeschehen: Die Delta-Variante. Delta sorgte für eine wesentlich stärkere Ausbreitung des Virus‘ und das auch unter geimpften Personen. Geimpfte erkranken zwar nach wie vor seltener und noch erheblich seltener schwer, aber sie erkranken erheblich öfter als sie es ohne die Delta-Variante würden und sie verbreiten damit das Virus auch häufiger weiter als es in den früheren Schätzungen zur Herdenimmunität, die eben auf der ursprünglichen Virusvariante beruhten, kalkuliert worden war. Das war unvermeidlich, denn man konnte erst auf Delta basierende Berechnungen anstellen als man die Delta-Variante in ihrem Ausmaß kannte und verstanden hatte. Doch seitdem wissen wir: Eine Impfquote von knapp über zwei Drittel der Bevölkerung reicht nicht mehr aus um Herdenimmunität zu erlangen.

Und nun kommt noch etwas dazu: Die Omikron-Variante. Diese ist noch sehr neu und in der Folge kaum erforscht, es kann also zwar sein, dass sie die Pandemie durch leichtere Krankheitsverläufe entlastet, aber auch das Gegenteil ist möglich, weil bei ihr besonders viele Fälle unter bereits genesenen Personen nachgewiesen werden. Doch relevant ist an ihr ein anderer Punkt: Sie ist besonders mutationsfreudig. Das heißt: Das Virus wird sich von nun an noch öfter verändern und damit geht wiederum die Gefahr einher, dass die Wirkung der Impfstoffe nachlässt oder sogar ganz verloren geht. Die bisherige Impfkampagne mit all ihren Erfolgen wäre damit zu Nichte gemacht.

Es geht also jetzt aus zwei Gründen um Zeit: Zum einen weil Delta das Infektionsgeschehen gegenüber dem Vorjahr krass beschleunigt, was sich in höheren Fallzahlen trotz fortschreitender Impfkampagne und einer Überlastung der Intensivstationen niederschlägt und zum anderen weil wir wegen Omikron nicht wissen, wie viel Zeit uns generell noch für die laufende Impfkampagne bleibt, bevor wir schlechtestenfalls von vorne beginnen müssten. Mit allen Konsequenzen: Lebensgefahr für Risikopatient*innen, unkalkulierbare Infektionsgefahr und damit Long Covid-Gefahr für alle und in der Folge erneute richtig harte Lockdowns.

Warum eine veränderte Situation anderes Handeln rechtfertigt – und erfordert

Die Situation ist also eine andere als die zu der eine allgemeine Impfpflicht vor rund einem Jahr ausgeschlossen wurde. Und diese neue Situation erfordert eine neue Bewertung und bringt ein neues Ergebnis mit sich: Wir brauchen jetzt eine allgemeine Impfpflicht, dass der designierte Bundeskanzler Olaf Scholz sie umsetzen und sogar die FDP sie durch eine Gewissensentscheidung im Bundestag mittragen will ist richtig. Denn nur mit einer Impfpflicht werden wir eine Impfquote von annähernd 90% der Bevölkerung und damit nach aktuellen Erkenntnissen eine Herdenimmunität erreichen können und nur mit einer Impfpflicht wird uns das in der notwendigen Geschwindigkeit gelingen.

So richtig es vor Delta war eine allgemeine Impfpflicht auszuschließen – So richtig ist es jetzt eine allgemeine Impfpflicht einzuführen. Das ist kein Wortbruch, sondern die logische Konsequenz aus einer grundlegend anderen Situation.

Reden wir nun über gleich zwei Elefanten, die sich während des letzten Abschnittes zu uns in den Raum gesellt haben: Zum einen über die, die eine allgemeine Impfpflicht „kategorisch“ und „für alle Zeit“ ausgeschlossen haben. Die haben sich entweder unüberlegt geäußert – oder unverantwortlich. Unüberlegt, weil sie sich nicht haben vorstellen können, dass das Virus wie beschrieben mutiert und eine neue Situation mit neuen erforderlichen Konsequenzen eintreten könnte. Ich halte das in einer solchen Ausnahmesituation für ebenso ärgerlich wie verzeihlich. Unverantwortlich, wenn sie selbst in der gegenwärtigen Situation, in der Triage auf Intensivstationen angewendet werden muss (und selbst das Verschieben von Krebsoperationen ist nichts anderes, immerhin senkt es die Heilungschancen der betreffenden Patient*innen massiv) und die – teilweise radikale – Minderheit der ungeimpften der geimpften Mehrheit Gesundheitsschutz und in der Folge individuelle und gesellschaftliche Freiheitsrechte raubt, die notwendigen Schutzmaßnahmen ablehnen.

Es geht jetzt um jedes Wort – Aber auch um ein besonderes

Der zweite Elefant betrifft diejenigen, die jetzt davon sprechen, dass es eine Impfpflicht braucht, weil sich „nicht genug haben impfen lassen“. Das stimmt zwar – Aber es stimmt eben nur in Anbetracht der sich veränderten Situation. Und diese Erklärung muss immer dazu gesagt werden, wird es aber zu selten. Denn es wäre in der Tat ein Wortbruch, der einen gravierenden Vertrauensverlust nach sich ziehen würde, verträte man eine Impfpflicht mit dem Argument: „Nachdem ihr euch nicht habt freiwillig habt impfen lassen, werdet ihr gezwungen.“ Dann nämlich wäre die gesamte Impfkampagne unehrlich gewesen und das würde Zweifeln an allen anderen Aussagen und Versprechungen, die in Zusammenhang mit ihr gemacht wurden, Vorschub leisten, was wiederum einer Impfpflicht ihre Legitimität entziehen würde. (Sidenote: Ja, man hätte auch das schon im Frühjahr besser erklären müssen, sagen sollen: „Die gegenwärtige Virusvariante erfordert keine Impfpflicht und deswegen wird es auch keine Impfpflicht geben, solange sich das Virus und mit ihm das Infektionsgeschehen nicht grundlegend verändert.“ Auch hier gilt wie beim ersten Elefanten: Das es anders war ist extrem ärgerlich, aber meiner Meinung nach im Anbetracht der Einmaligkeit der Lage auch verzeihlich.) Mein Appell lautet daher nun, bei der Kommunikation nachzuschärfen, die veränderte Situation und die darum notwendigen Konsequenzen in ihrem Zusammenhang zu erklären. Das schafft Verständnis und Verständnis schafft Vertrauen. Und Vertrauen ist echt wichtig bei einer allgemeinen Impfpflicht.

Die allgemeine Impfpflicht kommt – Und das ist richtig, konsequent und weder mit einem Wortbruch noch mit einem Vertrauensverlust verbunden. Das ist die gute Nachricht. Doch sie greift natürlich weder sofort noch ist sie das geeignete Mittel um die aktuelle Welle zu brechen. Das ist die schlechte Nachricht – Oder besser: Der Handlungsauftrag. So wenig wir über die neue Omikron-Variante wissen, so sicher wissen wir, so Prof. Christian Drosten, dass es „gut ist, wenn man geimpft und besser, wenn man geboostert ist“. Wir müssen also schon jetzt die Impfkampagne stärken, noch niedrigschwelligere und mobilere Angebote machen – Die Region Hannover zum Beispiel impft Kinder im Zoo, Wattenscheid alle Bürger*innen im Rathaus, Bochum auf dem Weihnachtsmarkt. Tierärzt*innen und Apotheker*innen sollen bald auch mitimpfen, auch das ist wichtig während wir uns in NRW darüber ärgern, dass die Landesregierung die Impfzentren geschlossen und damit Impfpower aufgegeben hat. Und wir brauchen jetzt noch einmal harte Einschnitte wie 2G (Plus) im öffentlichen Leben und im Einzelhandel sowie die Absage von Großveranstaltungen, denn nur damit brechen wir die akute, vierte Welle.

Die Pandemie aber brechen wir nur mit einer Impfpflicht – Und, na klar, mit Solidarität!

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Daneben schreibe ich für die Bühne, trete seit zehn Jahren unter anderem bei Poetry Slams auf. Übrigens: Das Buch “Märchen nach Corona – Quarantäne hinter den sieben Bergen”, das ich gemeinsam mit Isabel Schmiedel herausgegeben habe, wird sogar im Bonner Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland ausgestellt.

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