Ein Text, der verstehen helfen soll

Ein Text, der verstehen helfen soll

„Aber warum genau“, fragt meine Freundin und sieht mich irritiert an: „Warum genau machen wir das?“

Ich sitze mit meiner Freundin vor dem Fernseher. Neben mir steht eine Flasche Bier und die Mannschaft, für die ich halte, hat gerade in der 87. Minute eines Champions League-Spiels das vielleicht entscheidende Tor erzielt. 

Ich juble – also überhöre ich ihre Frage.

Also fragt sie erneut: 

„Warum sitzen wir seit fast drei Stunden nahezu bewegungslos auf der Couch, haben währenddessen erst zwei Männern dabei zugesehen, wie sie darüber reden, dass gleich zweiundzwanzig andere Männer einem Ball hinterher laufen werden, hören seitdem zwei anderen Männern dabei zu, wie sie das hinterherlaufen der zweiundzwanzig Männer kommentieren, während diese zweiundzwanzig Männer betreut werden, von männlichen Trainern, ermahnt werden von männlichen Schiedsrichtern und angefeuert werden von größtenteils männlichen Fans?“

Und weil sie in Fahrt ist, fährt sie fort:

„Und warum bitte trinkst du Bier dabei? Und überhaupt: Warum ist das so viel Werbung? Warum ist die FIFA so korrupt? Und warum sind DFB und DFL zumindest so sehr durchkommerzialisert, dass selbst ihre Grenzen zur Korruption zu verschwimmen scheinen? Aber vorallem“, fragt sie dann, „warum findest du da bitte so viel Freude dran?“

Ich muss schlucken.

Denn irgendwie hat sie recht. Vieles an dem Sport, den ich so sehr liebe und den zu schauen, über den zu lesen und zu reden, ich so sehr genieße, stagniert in gesellschaftlichen Fragen und entwickelt sich kommerziell in eine völlig falsche Richtung. 

Und ich erinnere mich an eine Begebenheit vor ein paar Jahren: Als ich sechs oder sieben Jahre alt war, fanden meine Eltern, dass ich in einem Verein Sport treiben sollte. Also meldeten sie mich in einem Fußballverein an. Zweimal hatten wir Training in der Woche – Dienstags und Donnerstags. Und Samstag ein Spiel. Vor dem Spiel stellten sich die Mannschaften gegenüber, der Kapitän sagte: „Wir begrüßen den Schiedsrichter und die gegnerische Mannschaft mit einem kräftigen Schuss…“ und wir anderen erwiderten schreiend „…Tor!“ 

Schuss

Tor

Und auch in der Schule wurde gespielt – Wenn auch anders: Sobald der Gong klingelte, rannten alle am schwarzen Brett vorbei nach draußen, um zu gucken wer in dieser Pause, den Fußballplatz bespielen darf. Und anschließend damit loszulegen. Und dann wurde gewählt. Niemand brauchte Trikots oder Leibchen – Man wusste schließlich, wie die eigenen Freund*innen aussehen. Und meistens, endeten die Spiele nur mit einem Tor Differenz, denn das letzte Tor entscheidet. Das ergab Sinn, weil es vorher wirklich häufig unentschieden stand – immerhin konnte man während des Spiels, die besten Spieler*innen so oft Tauschen, bis es ausgeglichen ist.

Anekdote: Diese Spielertäusche während des Spiels betrafen dabei oft auch mich – Ging eine Mannschaft zu hoch in Führung, bekam sie mich als Neuzugang. Diese von den heutigen Kommentatoren und Experten oft beschriebene Position des modernen 6er, der für das Gleichgewicht im Spiel verantwortlich ist, die habe also praktisch ich erfunden.

Gleichzeitig begann ich gemeinsam mit meinem Vater zu den Spielen des örtlichen Fußballvereins, der SG Wattenscheid 09, zu fahren. Jeden Samstag- oder Sonntagnachmittag, manchmal Freitagabends und seltener, immer wenn regionale Pokalspiele anstanden, auch mal unter der Woche spät abends. Immer öfter war Spieltag.  Und einmal sind wir an einen Tag vor meiner entscheidenden Abiturklausur sogar aus dem Ruhrgebiet bis hinters Siegerland gefahren, nur um den eigenen Verein in – kein Witz – Erntebrück absteigen zu sehen.

Und am Wochenende schaute ich oft bei meinen Großeltern die Sportschau. Damals – ziemlich sicher – weil es darin noch mehr Fußball gab und Fußball für mich einfach das Größte war, heute weil das kleine Lächeln im Gesicht meines Großvaters, in dem viele Erinnerungen an seine Jugend und heimliche Fahrradtouren in das BVB Stadion Kampfbahn Rote Erde, dem Vorgänger des weniger romantisch benannten Westfalenstadions, das heute komplett unromantisch Signal Iduna Park heißt, mitschwingt, wenn gezeigt wird, dass und wie der BVB sein Spiel am Wochenende gewonnen hat.

Einmal habe auch ich mit meinem Opa einen Ausflug ins Stadion gemacht, zwar nicht mit dem Fahrrad – Dafür aber mit dem Zug und das war für mich, ich war damals acht oder neun Jahre alt, mindestens genauso aufregend. Vor dem Spiel zeigte die Fantribüne ein Plakat – dessen Aufschrift: „Fußball verbindet Generationen, Männer und Frauen, alle Nationen“ und der Ball kam zum tschechischen Starstürmer Jan Koller und was dann folgte, kann man am besten so beschreiben:

Schuss

Tor

Kurzum: Der Fußball und ich, das war Liebe auf den ersten Blick. Und Liebe in Familientradition. Auch wenn das Vaterstolz ganz zu Beginn einmal kurz am seidenen Faden hing und zwar als er mich – meiner Erinnerung nach – zum ersten Mal mit ins Stadion nahm: Die SG Wattenscheid 09 spielte an diesem Nachmittag nämlich gegen den VfL Osnabrück und deren Trikotfarbe, ein kräftiges lila, war damals noch meine Lieblingsfarbe. Doch der Vaterstolz wurde gerettet: Und zwar durch Alexander, einen Spieler der SGW, der so hieß wie mein damaliges Lieblingstier: Löwe.

Naja – zumindest dachte ich damals, dass Alexander Löwe hieß. Tatsächlich heißt er Löbe. Mit B. Dennoch.

Randnotiz: Als wir Alexander vor ein paar Jahren, als ich zehn oder elf Jahre alt war, mal im Getränkemarkt getroffen habe, gab er mir ein Autogramm. Als mein Vater mir vor ein paar weniger Jahren, ich schätze, ich war da dann 16 oder 17 Jahre alt, erzählte, was Alexander so in seinem Einkaufswagen herumschub, hängte ich es mir wieder über´s Bett. Warum? Nun ja, so viel sei verraten: Spieler, die mehr Prozentpunkte in ihren Getränkeflaschen transportieren, als so manche Volkspartei Stimmenanteil hat, geben nach Spielen andere Auskünfte als Philipp Lahm. 

Ein Beispiel: „Schönes Wetter heute oder, Herr Lahm?“ 

„Ich fand, wir haben eine engagierte Mannschaftsleistung gezeigt, das jede Woche abzurufen ist gar nicht leicht. Und der Trainer hat Recht.“

Als Alexander Löbe irgendwann die SG Wattenscheid 09 verließ, war es, als würde eine persönliche Beziehung enden. Als Leonardo Dedé den BVB verließ habe ich geweint, als Patrick Owomoyela uns verlassen hat, fand ich es schade, bis ich gemerkt habe, dass er nur verletzt war und als Mario Götze zu den Bayern ging, war ich zwei Tage lang richtig wütend.

Immerhin schenkten mir meine Eltern in dieser Zeit statt der Mitgliedschaft im Fußballverein eine Playstation zum Geburtstag und so kam es bei FIFA 12 zum digitalen – und zugegeben: Auch recht einseitigen – Wiedersehen von Alexander Löbe und mir. Und in diesen Spielen wählte ich an der Konsole ihn als Elfmeterschützen aus und immer wieder lief er an und …

Schuss

Tor

Fußball lebt von der Emotionalität. Von den Schulkindern, die mit Ranzen als Toren auf dem Schulhof kicken, von den Fans, die zu absurden Zeiten an absurde Orte wie Erntebrück reisen und von den geteilten Erinnerungen, die zu gemeinsamen Erfahrungen werden. 

Er verbindet, wie es auf dem Plakat beim ersten Spiel stand, das ich gemeinsam mit meinem Großvater besucht habe und bringt zusammen, denn in der Kurve und auf der Tribüne sind alle das gleiche – Egal ob Akademiker oder arbeitslos, alt oder jung und jeweils alles dazwischen: Wenn deine Mannschaft das Spiel gewinnt, wird mit dem Nachbarn abgeklatscht und wenn sie verliert, wird auf dem Weg nachhause wahlweise über den Trainer, den Schiedsrichter oder die fehlende Mentalität des eigenen Teams geschimpft, wobei was genau mit Mentalität gemeint ist, unabhängig vom Schulabschluss, kein Fan so ganz versteht.

Übrigens: Auch bei meinem letzten Stadionbesuch hing am Gitter der Fantribüne ein Plakat, es forderte für den BVB endlich eine Damenmannschaft. Und so viel es am englischen Fußball zu kritisieren gibt, der viele Kommerzialisierungsprobleme so viel extremer austrägt, dass aufgrund von ständig steigenden Ticketpreise selbst die soziale Durchmischung auf der Tribüne bröckelt, so konstruktiver ist er hier: Nur Vereine mit professioneller Frauenmannschaft dürfen bei den Männern in den Profilligen antreten – und umgekehrt. In der Sportschau sollte statt der dritten Liga der Männer zumindest mal über die erste Liga der Frauen berichtet werden – Oder wenn es nach mir geht gerne auch über beides. Und auch wenn ich meine Karriere als Fußballer längst mangels Talent an den Nagel gehängt habe, bleibt der fußballerische Vaterstolz erhalten: Durch meine Schwester, die die Torhüterin einer der besten Mannschaften in unserer Heimatstadt geworden ist. So oft es geht schaue ich ihr dabei zu – Denn mehr mediale Aufmerksamkeit als die Kreisliga der Herren hat sie alle mal verdient.

Der Fußball lebt von der Irrationalität aller, die sich mit ihm befassen.

Denn in Wahrheit lebt der Fußball längst nicht mehr von den Schulkindern, den Hobbykickern und ihren Fans – sondern davon, aus ihren Emotionen das große Geld zu machen.

Diese Irrationalität betrifft ja uns alle: Den Spieler, der heute noch das Wappen küsst und morgen schon für den Rivalen die Schuhe schnürt genauso wie den ehemaligen Uefa-Generalsekretär, der über Weihnachten noch mit dem damaligen FIFA-Präsidenten freundschaftlich dinierte und keine hundert Tage später dann als derjenige auftrat, der mit dessen Stil der Korruption aufräumen soll und für den Fan, der einerseits Untreue und kriminelle Machenschaften anprangert, andererseits aber einen blöden Witz über einen coolen Spieler macht, der einfach nur unglaublich viel Pech mit Verletzungen hatte.

Meine Freundin hat das Etikett vom Bier abgeknibbelt und kickt es auf mich.

Schuss

Tor

Und zwar direkt ins Gesicht. „Also“, fragt sie noch mal, „warum gucken wir uns das bitte an?“

Eine Zeit lang weiß ich keine gute Antwort, denn natürlich hat sie recht.

Denn obwohl ich nicht an Karma glaube, fällt mir plötzlich eine weitere Geschichte ein: Nach seinem Weggang aus Wattenscheid hat sich Alexander Löbe nämlich nicht darauf beschränkt als Charakter in meinem Videospiel Elfmeter ausführen, sondern er hat für den SC Paderborn im DFB-Pokalspiel gegen den HSV auch auf beschissenste Art und Weise einen Elfmeter rausgeholt als der Schiedsrichter ein gewisser Robert Hoyzer war – Und wurde so Teil des nach ihm benannten größten deutschen Manipulationsskandals.

Wenig erreicht so viele unterschiedliche Menschen so sehr wie Fußball.

Auch mich ganz persönlich.

Deswegen mag ich diesen Sport nicht aufgeben, selbst wenn meine Freundin mich beim gemeinsamen Gucken oft böse ansieht. 

Also sage ich: Es braucht eine Fußballrevolution!

Der Spiegel schrieb neulich, damit der Fußball spannender wird, müsste die 50+1-Regel, die den Einfluss von Investoren begrenzt, fallen.

Doch das Gegenteil ist richtig.

Denn schon ein bisschen weniger explodierenden Preisen bei Tickets, Transfers und Gehältern, gar keinen Handel mehr mit kleinen Kindern und keine auch Werbespots direkt nach dem Spiel, wenn man gerade sehen will, wie sich Pep Guardiola über die entscheidende Niederlage ärgert, wären ja schon mal ein guter Anfang.

Und weil der Fußball so viele Menschen erreicht, muss er ein Spiegelbild der Gesellschaft sein: Sorgt für mehr Vielfalt bei den und durch vielfältigere Übertragungen. Ahndet Rassismus konsequent statt konsequent bloß das Selbstbewusstsein von Dietmar Hopp zu schützen.

Es muss Schluss sein mit der Fußballentwicklungshilfe für ärmere Nationalverbände, die lediglich die Armut von Verbandsvorsitzenden bekämpft. Dafür sollte es dann übrigens mehr Geld für den Breitensport in diesen Ländern geben.  Und generell.

Denn Fußball findet da statt, wo es vor jedem Spiel noch heißt:

Schuss

Tor

Ja, der Fußball lebt an der Basis – Aber er muss wieder mehr von seiner Basis leben. Und das kann mit jedem einzelnen gelingen, der sich für ihn interessiert.

Ein Beispiel: In dieser Saison kam es bei einem Drittligaspiel zwischen Preußen Münster und den Würzburger Kickers zu einem rassistischen Zwischenfall durch einen Münster-Fan. Die umherstehenden Fans enttarnten den Mann, übergaben ihn dem Ordnungsdienst, der Polizei und der Staatsschutz ermittelt. Preußen Münster schrieb dazu auf Twitter: „Wir hoffen, dass ein lebenslanges Stadionverbot sein kleinstes Problem ist“. Borussia Dortmund organisiert – wie viele andere Vereine auch – für seine Fans Gedenkstättenfahrten gegen das Vergessen. Nazis raus aus den Stadien!

Was ich damit sagen will: Es ist an allen Fans, sich den Fußball zurückzuerkämpfen, den sie mögen. Den, zu dem mein Opa vor über 60 Jahren mit den Fahrrad quer durch die ganze Stadt geradelt ist. Den, den ich auf dem Schulhof und um Sportverein gekickt habe und für den ich bis nach Erntebrück gefahren bin. Ein Fußball, der ehrlich ist statt durchkommerzialisiert und der seine gesellschaftliche Verantwortung umfassend ernst nimmt und sich entsprechend auch gesellschaftlich weiterentwickelt statt im letzten Jahrhundert hängen zu bleiben. Der nicht nur zweiundzwanzig Männer beim Sport zeigt – Sondern zweiundzwanzig unterschiedlichste Sportler*innen.

Nur für diesen Fußball könnte mein Herz weiter schlagen. Nur diesen Fußball kann ich weiterhin so engagiert verteidigen, wie Jerome Boateng das deutsche Tor bei der EM 2016. Oder Silke Rottenberg und Nadine Angerer bei immerhin zwei Weltmeister-Titeln in den letzten 20 Jahren.

Und eben nicht den Fußball von Hertha-Investor Lars Windhorst oder den von FIFA-Chef Gianni Infantino.

Aber ich habe Hoffnung: Nicht umsonst sitzt die Stadtgesellschaft bei jedem Dorfverein auf der Tribüne und die Nation bei großen Spielen regelmäßig vor dem Fernseher. Auch da kann zivilgesellschaftliches Engagement stattfinden. Und das nicht nur wenn es heißt:

Schuss

Tor

Apropos Fernseher: Den schalte ich jetzt erstmal aus. Denn auf Championsleaque habe ich gerade keine Lust mehr. Stattdessen schreibe ich meiner Freundin diesen Text über das, was Fußball eigentlich für mich bedeutet. Es ist ein Text, der verstehen helfen soll.

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