Ein Nachruf auf eine Genossin und ein Plädoyier dafür, wie die SPD bleiben muss

Ein Nachruf auf eine Genossin und ein Plädoyier dafür, wie die SPD bleiben muss

Renate Otto ist eine der für mich bedeutsamsten Genoss*innen.
Als ich 2009 zu den Jusos kam und 2010 Mitglied der SPD wurde, hätte ich noch nicht gedacht, dass ich das einmal schreiben würde. Damals trat ich ein, weil ich von der Idee einer Gesellschaft, die auf Solidarität und Freiheit aufgebaut ist, überzeugt war. Nach der für die Sozialdemokratie katastrophal verlaufenen Bundestagswahl, nach dem Regierungswechsel zu einer Koalition aus CDU/CSU und FDP, die – in der damaligen Finanzkrise insbesondere auf europäischer Ebene – für eine Politik standen, die zu meinen Idealen ziemlich konträr war, wollte ich mich selbst engagieren. Also trat ich ein.

Die erste Zeit engagierte ich mich fast ausschließlich bei den Jusos, erst nach einiger Zeit begann ich auch zu den Ortsvereinsversammlungen – das ist die SPD im Stadtteil – zu gehen. Renate Otto war da schon über 45 Jahre Mitglied der Partei, sie war 1969 als Willy Brandt Bundeskanzler wurde eingetreten und wurde im vergangenen Jahr für ihre 50-jährige Mitgliedschaft in der SPD geehrt. Trotzdem war sie eigentlich immer da. Okay, das Eigentlich streiche ich: Renate Otto war immer da und immer mittendrin. Meistens kam sie mindestens eine Viertelstunde eher, um alle mit Handschlag zu begrüßen und sich nach dem jeweiligen Wohlergehen zu erkundigen, fast immer blieb sie noch über das Versammlungsende hinaus, um zu schnacken oder um – bis vor ein paar Jahren – Skat zu spielen. Von den langen Skatnächten nach den Ortsvereinstreffen hat sie mir im letzten Jahr melanchonisch erzählt und mir bei der Gelegenheit gleich noch erklärt, wie man Skat spielt – Pardon: kloppt. Doch Renate Otto kam nicht nur wegen der Geselligkeit in den Ortsverein, es war für sie immer eine Mischung aus Freund*innen treffen und wichtige Anliegen der Kommunalpolitik besprechen: Sie wusste immer mit am besten was bei uns im Quartier abging und hatte darauf aufbauend auch stets Vorschläge (und eine klare Meinung zu den Vorschlägen anderer) wie es in Wattenscheid-Mitte und Westenfeld weitergehen sollte, welche Straße saniert, welche Fläche begrünt, welches kulturelle Angebot gefördert werden muss. Übrigens: Im Wahlkampf und zu Aktionstagen kam sie auch an jedem Infostand vorbei und wenn es ihr gesundheitlich nicht gut genug ging, um sich längere Zeit dazuzustellen, dann immerhin um sich ein Stück Werbeschokolade mitgeben zu lassen und die neusten Themen zu besprechen. Für ihrer Leidenschaft und ihrem Engagement bin ich ehrlich tief beeindruckt.

Die Geschichte mit dem Skat spielen ist auch eine meiner liebsten Anekdoten, wenn mich heute – zumeist jüngere – Genoss*innen fragen, warum es sich lohnt auch im Ortsverein aktiv zu werden. Renate Otto personifiziert für mich die SPD, wie sie sein muss: Zum einen (und ja: zuforderst) der Ort für politische Diskussionen und Entscheidungsprozesse von der Kommunal- bis zur Europapolitik aber zum anderen (und nein: nicht weniger wichtig) auch ein Ort des Austausches und der Solidarität, ein Treffpunkt für alle, die sich in ihr und für ein gutes Zusammenleben in der Gesellschaft engagieren. Johannes Rau hat einmal gesagt: Die SPD ist die Partei der Solidarität. Das heißt sie ist die Partei für alle, die Solidarität brauchen und für alle, die Solidarität zu geben bereit sind. Ich glaube, mit den Treffen im Ortsverein – die mit Händeschütteln und Smaltalk 15 Minuten vor Beginn anfangen und erst nach dem Bier oder der Runde Skat danach enden – lebt sie genau das auch nach innen und ich finde, genau das muss sie sich bewahren, auch in unserer Generation, auch auf neuen Plattformen.

Renate Otto hat sich gekümmert – Um ihren Stadtteil und um ihre Genoss*innen. Mit ihrer offenen und freundschaftlichen Art hat sie mir geholfen meinen Platz in der SPD Wattenscheid-Mitte/Westenfeld zu finden, mit ihrer Argumentationsstärke hat sie mich gefordert und mit ihrem Rat, dass man als Sozialdemokrat*in Politik auf allen Eben gleichermaßen schätzen muss, hat sie mich zu einem überzeugten Kommunalpolitiker gemacht. Dafür bin ich ihr aus tiefsten, roten Herzen dankbar.

Heute habe ich erfahren, dass Renate Otto gestorben ist. Sie wurde 84 Jahre alt – und war beinahe 51 Jahre Mitglied der SPD. Die SPD in Wattenscheid-Mitte und Westenfeld aber auch ich ganz persönlich werden sie niemals vergessen und ihr stets ein ehrendes Andenken bewahren.

Liebe Renate, ruhe in Frieden!

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