Das einzige, was noch mehr nervt als Corona, ist eine Verkettung schlechter Witze darüber

Das einzige, was noch mehr nervt als Corona, ist eine Verkettung schlechter Witze darüber

Fangen wir dem Titel entsprechend an: Hamsterkäufe sind scheiße. Und trotzdem muss man auch während einer Pandemie manchmal einkaufen. Ich musste das neulich auch, jedoch kein Toilettenpapier. Stattdessen kam es in einer Trinkhalle zu der folgende Szenerie:

„Entschuldigung“, frage ich die Verkäuferin, die hinter der Ladentheke steht, „haben Sie so Klebehaken für die Küche oder das Badezimmer?“

Sie kramt unter ihrer Theke und zeigt mir einen passenden, unabgepackte Haken: „Meinen Sie solche?“

Ich nicke.

„Die brauchte ich auch, für meine Küche. Die gibts bei Ikea“, sagt sie.

„Aber haben Sie Gummibänder?“, versuche ich dieses Shopping-Erlebnis doch noch zu einem Erfolg zu führen.

Und siehe da: Sie holt ein Glas voller Gummibänder hervor.

„Genau solche“, sage ich.

„Das freut mich“, antwortet sie, „aber.“

„Die können Sie mir auch nicht verkaufen, weil Sie die ebenfalls für Ihre Küche brauchen?“, frage ich.

„Natürlich nicht“, sagt sie. „Die kann ich Ihnen nicht verkaufen, weil ich die brauche, falls jemand anderes eine Zeitung einkaufen möchte.“

Die aktuelle Corona-Pandemie ist für viele Unternehmen – nicht nur in der Gastronomie sondern auch im Handel – eine gewaltige Herausforderungen. Neben den bekannten und in den Medien oft zitierten Bereichen hat sie aber auch die WG-Küchen-Postkartengestaltungs- und die Fetzige-T-Shirts-Mit-Ironischen-Sprüchen-Herstellungs-Industrie hart getroffen. Immerhin müssen Millionen Produkte mit entsprechenden Aufschriften wie „ist denn schon wieder Montag“ weggeworfen und mit neuem Claim neu produziert werden: „Ist denn immer noch 2020?!“ Allerdings ergeben sich auch neue Einnahmepotenziale: Denn für die „I’m with a stupid“-T-Shirts braucht man Dank social Distancing jetzt ja immer auch einen separaten Michael-Wendler-Pappaufsteller. Wenn man für einen kurzen Moment davon absieht, dass Verschwörungstheoretiker*innen wie Wendler, Nena oder Hildmann natürlich nicht lustig, sondern brandgefährlich sind, könnte man glatt sagen, sie seien so gesehen auch ein extrem dummes Konjunkturprogramm.

Apropos Wirtschaft: Ich habe auch eine gute Nachricht für Frank Thelen. Seit er bei „Die Höhle der Löwen“ ausgestiegen ist, wird in der Gründerszene nicht mehr schlecht über ihn gesprochen. Doch auch zu dieser guten Nachricht gibts eine schlechte: Nicht mehr schlecht heißt in diesem Fall leider gar nicht. 

Dazu noch zwei kurze Fragen:

  1. Sollte man eurer Meinung nach noch mehr Energie in die Entwicklung von Elektroautos stecken?
  2. Und glaubt ihr eigentlich, dass der Markt für Burgerrestaurants mittlerweile übersättigt ist?

Kommen wir zu etwas anderem: Manchmal stelle ich mir vor, dass Angela Merkel, Christian Drosten, Hendrik Streeck und Armin Laschet jetzt gerade in einer WG zusammen leben und ihre jeweiligen Standpunkte zur aktuellen Corona-Pandemie zu Metaphern für ihr zwischenmenschliches Zusammenleben werden. Zum Beispiel anhand der Frage, ob sie nach einem langen Arbeitstag noch das ein oder andere Gläschen Wein miteinander trinken sollen:

Die Bundeskanzlerin fragt: „Wie sehen Sie das, Herr Drosten?“

„Sie wissen, dass ich in geschlossenen Räumen das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes empfehle“, antwortet der.

Währenddessen steckt Armin Laschet Hendrik Streeck einen 50€-Schein zu, woraufhin der zweite Virologe argumentiert: „Ohne Mund-Nasen-Schutz kann man ja gar nicht trinken und ein Kater ist definitiv nicht schlimmer als Corona.“

„Ich selber hatte mal einen Kater“, sagt der Ministerpräsident, „aber er ist weggelaufen als ich vier war.“

Armin Laschet schluchzt.

„Siehst du, Armin“, sagt Merkel, „die Situation ist vielleicht wirklich gefährlich.“

Drosten nickt.

Doch Streeck beschwichtigt: „Bestimmt lebt der Kater heute einfach auf einer Farm.“

Fünf Minuten später sind Drosten und Merkel im Bett, Laschet ist betrunken und Streeck ruft wütend beim ZDF an, weil Markus Lanz vergessen hat, ihn für diesen Abend einzuladen.

Doch bei Markus Lanz sitzt dann an diesem Abend nur Wolfgang Kubicki, den kennt man vielleicht von der FDP.

Markus Lanz fragt: „Herr Kubicki, was haben Sie uns heute mitgebracht?“ Dabei lehnt er sich wieder so seltsam vor und fasst sich mit der Hand ans Kinn, obwohl Christian Drosten schon seit seiner ersten Podcast-Folge erklärt, dass man endlich damit aufhören soll, sich andauernd selber ins Gesicht zu fassen.

Ich schweife ab.

„Wir von der FDP“, beginnt Kubicki nämlich schon zu antworten, „haben eine neue Idee zur Bewältigung dieser Pandemie.“

„Oh!“ Markus Lanz lehnt sich noch ein bisschen weiter vor und sagt: „Entschuldigen Sie, dass ich da einhaken muss, Herr Kubicki, aber was für eine Idee haben Sie?“

„Einen Corona-Zertifikatehandel“, erklärt der FDP-Politiker, „wie beim CO2.“

Markus Lanz rückt weiter auf seinem Stuhl vor, dieses Mal so weit, dass er herunter fällt.

Kubicki lacht.

„Zurück zu Ihrer Idee“, sagt Markus Lanz, während er sich wieder aufrichtet, „was hat es damit auf sich?“

„Ganz einfach“, erklärt Wolfgang Kubicki, „da können Kommunen mit hohen Infektionszahlen einige Teile ihrer Inzidenzwerte gegen eine bestimmte Gebühr an interessierte Nicht-Risikogebiete abgeben, um so zum Beispiel Sperrstunden zu entgehen. Und die gesunden Kommunen werden finanziell belohnt.“

„Aber ändert das etwas am realen Infektionsgeschehen?“, fragt Markus Lanz.

„Natürlich nicht“, grinst Wolfgang Kubicki, „Aber Sie können ruhig trotzdem mal dem Markt vertrauen.“

Apropos lineares Fernsehen: Während Corona soll man seine Großeltern natürlich besser nicht besuchen. Als sie jedoch vorher einmal gesehen habe, schauten wir Einsfestival. Einen Sender ohne Videotext.

„Ist ja gar kein Wunder, dass die so etwas nicht haben“, meinte sie dazu, „Einsfestival ist ja noch ein junger Sender. Und den Videotext müssen sie deswegen bestimmt erst noch entwickeln.“

„Ja, klar“, dachte ich dann, „und danach erforschen Sie das schwarz-weiß Fernsehen.“

Und auch wenn es nicht Sat.1 sondern Pro7 betrifft, lasst mich bei dieser Gelegenheit noch zwei Fragen zu The Masked Singer stellen:

  1. Gibt es die Show eigentlich nur, damit Cro besser Werbung für sein neues Album machen kann?
  2. Und sind wir das in der U-Bahn jetzt gerade nicht irgendwie alle – Nur ohne singen, wegen Aerosolen und enttarnt wird nur, wer seine Maske falsch trägt?

Apropos Albernheit: Als Kindergartenkind war ich absolut davon überzeugt, dass die Erwachsenen doch nun wirklich über eine Geheimsprache verfügen müssen, die sie lediglich von uns Kindern verstecken. Hintergrund war folgender: Immer, wenn ich mit meinem Vater an einer Baustelle vorbeiging, deutete der immer ganz begeistert auf eines der Einsatzfahrzeuge und rief: „Guck mal, Jan, ein Bagger!“ Und ich dachte: So ein albernes Wort, das kann doch unmöglich ernst gemeint sein. Heute würde ich mir wünschen, dass abgedrehte Prominente statt „Unrechtsstaat“ oder „Lügenpresse“ einfach auch wieder Bagger sagen würden. Denn Bagger ist keine Geheimsprache während „Unrechtsstaat“ und „Lügenpresse“ schon Codewörter sind. Und der Code lautet: Du bist ein Arschloch, Attila Hildmann.

Während Corona will man unter anderem deswegen auch oft aus dem eigenen Alltag ausbrechen. Also mal folgendes Gedankenexperiment: Stellt euch vor, ihr dürftet jetzt in diesem Moment mit einer anderen Person für einen Tag tauschen – Warum wäre es ausgerechnet Helene Fischer? Nun ja, die Antwort ist einfach: Christian Drosten wäre zwar vermutlich spannender. Aber als Helene Fischer kann man dafür etwas weniger kaputt machen. Und selbst wenn wäre es – mit Verlaub – nicht ganz so schlimm.

Corona – so viel ist sicher – ist für die Unterhaltungsindustrie aber dennoch ein schwerer Schlag. Diese Pandemie ist für uns kaum vergleichbar, wenig ist so schlimm für uns. Und wenn ich doch etwas vergleichbares nennen soll, dann höchsten Dieter Nuhr und – wie eingangs erwähnt – Michael Wendler. 

Ich komme zurück zur Szene aus der Trinkhalle vom Anfang. Denn manchmal trifft man in solchen, in Bussen, Bahnen oder Supermärkten ja wie gesagt auch Menschen, die ihren Mund-Nasen-Schutz falsch, nämlich lediglich als Mundschutz, tragen. Gelegentlich frage ich mich dann, ob es nach den aktuellen Schutzbestimmungen schon erlaubt ist, den betreffenden Personen ins Gesicht zu treten. Und ich glaube schon – Zumindest, wenn danach der folgende Dialog folgt:

Der getretene sagt: „Tanz mir nicht auf der Nase herum.“

Und ich erwidere: „Dann trag du deine Maske nicht falsch.“

Corona und dieser Text haben übrigens auch etwas gemeinsam: Bei beidem freut man sich auf das Ende. Und zumindest vom Text kommt das Ende jetzt.

Ganz am Anfang der Pandemie und kurz bevor uns im Oktober die zweite Welle noch einmal und mit noch mehr Schwung erfasst hat, liefen im Radio fast keine Balladen mehr, sondern nur noch so positive Popsongs. Ganz subtil haben die Programmplaner*innen versucht auch unterbewusst die Grundstimmung zu verbessern. Durchhalteparolen gibts vom Bundespräsidenten, der Bundesregierung, den Virolog*innen und eben denjenigen Prominenten, die nicht darauf spekulieren, dass man über den eigenen Telegramm-Channel mehr Leute erreicht als übers lineare Fernsehen. „Im Sommer kommen die Lockerungen“ – hieß es im März. „Im März kommt der Impfstoff“ – hier es im Oktober. Und auch wenn beides wohl stimmt, war die Zeit dazwischen unglaublich hart und Corona wirklich ungerecht: Für Kinder aus ärmeren Familien, die der Unterrichtsausfall härter getroffen hat, für Alleinerziehende und insbesondere auch für weiblich gelesenen Personen, die beruflich häufiger zurück stecken mussten, die öfter Opfer von häuslicher Gewalt werden und deren Gleichstellung und Teilhabe sich nun wieder zurückentwickelt haben, für viele Beschäftigte, die entweder in der kritischen Infrastruktur schlecht bezahlt mehr arbeiten mussten oder in Handel und Handwerk oft in Kurzarbeit geschickt wurden und natürlich auch für Kulturschaffende und Gastronom*innen, die trotz umfassender Hygienekonzepte als Wellenbrecher*innen ihre Arbeit niederlegen mussten. Vor allem aber für die tausenden Infizierten ohne die viel zitierten milden Verläufe und all die Angehörigen, die sich um geliebte Menschen gesorgt oder welche verloren haben. Und das trennt Corona von diesem Text: Das verdammte Virus war und ist kein blöder Witz.

Und das auch, wenn mein Nachbar Gerrit sagt, deutsche Comedy sei Tod. 

Denn im selben Gespräch sagt Gerrit auch, dass Corona-Kritiker*innen zu wenig Aufmerksamkeit bekämen.

Vielleicht sind also die offiziellen Comedians wirklich nicht witzig – Aber über Gerrits Aussage kann man eigentlich nur noch lachen.

Bleibt die Frage, was das dann hier sollte. Und die Antwort ist entwaffnend: Manchmal in der Pandemie hat man, habe ich echt Angst: Vor einer eigenen Infektion, um meine eigene Großmutter, davor, dass das Personal in Krankenhäusern entscheiden muss, wer noch gerettet werden kann und dass unser Wirtschaftssystem währenddessen noch ausbeuterischer und unsere Gesellschaft deswegen wieder rückständischer wird oder wir den Kampf gegen die Klimakrise hintenüber fallen lassen. Mich trifft, bei allem Verständnis für die Maßnahmen und der Anerkennung für viele gute Hilfsangebote, dass es für Künstler*innen und Kultur so wenig Hilfe gibt und dass Studierende und Auszubildende fallen gelassen werden. Und ich habe Angst davor, wie sich das noch entwickelt. 

Manche dieser Ängste sind irrational, einige sind wirklich verdammt berechtigt. Manchmal kann ich deswegen gerade nicht schlafen. Und dann hilft es, dem Virus seine Größe zu nehmen. Worüber man lacht, mit dem ist man auf Augenhöhe. Und über schlechte Witze kann man selbst mitten in einem Albtraum immer noch am besten lachen.

Vielen Dank fürs mitlachen.

Und vielen Dank für zuhören.

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